Letztens habe ich ihn wieder gelesen – meinen Blogartikel, in dem ich mit dem Holocaust auf der Bank sitze. Ich versuche, diesem Völkermord an den Juden und anderen Gruppen – verübt durch Deutsche – schon lange auf die Spur zu kommen. Und hatte versucht, mich ihm – neben allen Daten und Fakten – metaphorisch zu nähern.
Ich las meinen Blogartikel und kam ins Zweifeln darüber, was und wie ich geschrieben hatte:
- Hätte ich nicht emotionaler schreiben müssen?
- Kann man (ich) überhaupt so darüber schreiben?
- Bin ich dem Holocaust gerecht geworden? (Nein, bin ich nicht.)
- Wie wird man dem Holocaust überhaupt gerecht?
In diesem Blogartikel mache ich mir Gedanken darüber, warum das so ist.
- Warum lässt sich der Holocaust so schwer greifen?
- Wie kann man sich ihm nähern?
- Welche Rolle kann Kultur spielen in der Auseinandersetzung?
- Welche Erinnerungskultur verlangt der Holocaust eigentlich?
Dies ist ein Nachtrag zum Blogartikel:
→ Auf der Bank mit dem Holocaust
Die Unfassbarkeit des Unbegreiflichen
Wenn man sich den Holocaust in seiner Gesamtheit vorstellt – metaphorisch hatte ich ihn auf der Bank ja wie einen Block gesehen, eine industrielle Mechanik – wirkt er abstrakt.
Groß, industriell, tödlich, kalt, mechanisch – so lässt er sich nicht greifen. Man ist zu sehr in Distanz. Wo sollte man emotional ansetzen, wenn man ihn als dieses „Objekt“ betrachtet?
Momentan sehe ich ihn übrigens mehr als Schatten – als ewigen Schatten, der durch Zeit und Raum driftet. Aber auch das ringt einem nicht die Emotionen ab, die ihm angemessen wären.
Weil, das ist zumindest meine Meinung: der Holocaust muss uns ins Mark erschüttern. Das verlangt er.
Kein oberflächliches Betrachten, kein „Oh ja, wie schlimm.“ sondern ein:
„Mir tut mein Herz weh.“
„Ich kann mich nicht rühren.“
„Ich ertrage das nicht.“
Und genau das passiert, wenn wir Geschichten lauschen, Bilder betrachten und – Musik hören. Vielleicht auch alles auf einmal.
Die Passagierin
Mir war ursprünglich nicht klar, welches Thema „Die Passagierin“ – eine Oper von Mieczysław Weinberg – aufgreift. Ja: sie basiert auf der Novelle „Die Passagierin aus Kabine 45“ der polnischen Widerstandskämpferin und Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz.
Es geht um Täterschaft, Verleugnung und um das Leben und Überleben im Konzentrationslager während des deutschen Nationalsozialismus.
Ich sitze in diesem Konzertsaal der Oper Frankfurt und höre Weinbergs Musik, sehe das Ensemble in Sträflingskleidung. Eine Konstruktion ist gleichzeitig das Schiff der näheren Gegenwart und das Lager der Vergangenheit.
Doch was mir vor allem auffällt: Das Publikum sitzt wie erstarrt. Kein übliches Flüstern, Rascheln, Bewegen. Starr. Stumm. Es traut sich kaum zu klatschen kurz vor der Pause. Und auch am Ende fällt es nur zögernd in den wohlverdienten Applaus ein. Über allem liegt so etwas wie Schweigen, etwas Unaussprechliches.
Mir selbst kommen die Tränen – unaufhaltsam – beim Volkslied der Russin Katja und jemand erzählt mir später, sie musste die ganze Zeit weinen (eine Russin: ihre Oma war im Gulag inhaftiert).
Ich diskutiere im Anschluss mit anderen, ob man so ein Thema so aufgreifen sollte bzw. darf. Und ob man dann überhaupt die Inszenierung bewerten kann.
Ich denke: Selbstverständlich.
Weil, dafür ist Kunst ja da. Wofür sonst, wenn nicht genau hierfür?
Uns zu berühren. Durch Geschichten, Bilder – Klang.
Genau wie „Shoa“.
„Shoa“ von Claude Lanzmann
Aktuell läuft „Shoa“ auf arte.tv, noch bis Mai 2026. 9 Stunden Zeugenschaft des Holocaust.
Es lief schon vor Jahren auf arte.tv. Ich wollte es mir damals schon anschauen, aber irgendwie war wohl nicht die Zeit.
Die Zeit ist jetzt. Ich habe mir als Einstieg den Film über den Dreh von „Shoa“ angeschaut und bin gerade bei ca. 2 Stunden von Teil 1. Es hatte etwas gedauert, bis ich mich darauf einlassen konnte – es war wie ein Tanz drumherum, weil es schwer ist. 9 Stunden Bilder, Opfer, Täter, Geschichten. Alles verwebt sich – und zieht einen hinein wie in einen Sog. Und zwischendurch: Schmerz, Mitleiden mit den Geschichten, Grauen – und Unverständnis.
Ich werde darüber noch einmal separat schreiben – über „Shoa“ und was es mit mir macht. Und, darüber, was Claude Lanzmann hier vollbracht hat.
Erwähnen muss ich „Shoa“ hier, weil es tief berührt. Wer sich dem Holocaust ernsthaft nähern will, sollte „Shoa“ anschauen. Das ist Zeugenschaft, und das ist das, was die Opfer des Holocaust verdienen: das Hinsehen – ohne Ausweichen. Das Aushalten der Gefühle. Es ist das einzige, was wir noch geben können – und was unbedingt notwendig ist. Bezeugen.
Welche Erinnerungskultur verlangt der Holocaust?
Der Holocaust verlangt mehr als Erinnerungsstätten, Rituale und Zeilen in Geschichtslehrbüchern.
Er will gesehen werden und gehört. Man muss ihm unter diese stählerne Haut kriechen und ihn in seine Einzelteile zerlegen:
- Opfer und Überlebende und ihre Stimmen
- Das Reden der Täter über die industrielle Mechanik des Tötens – und darüber, wie „schwierig“ das war
- Das Schweigen der Masse, die nicht eingeschritten ist
- Bilder von Häftlingen in Lumpen
- Zugführer, die Waggons in Lager fuhren – und das nie mehr loswurden
- Juden, die ihre eigenen Verwandten aus Massengräber scharren mussten, damit sie verbrannt werden konnten
- Tränen, starre Blicke der Erinnerung, Schmerz
- Kofferberge mit Namen und Jahreszahlen – an denen noch immer Hoffnung klebt
- Das Leben in den Lagern – inmitten von Natur, beschienen von Sonne
- An der Rampe ankommen – und ins Gas gehen – nackt.
- Menschen, die litten und starben und überlebten.
So sickert er ins Mark. Unschön. Schmerzhaft.
Der Holocaust darf und muss besprochen werden – unperfekt. In Opern besungen, an denen man sich reibt, ob genau so.
Und ja, auch durch das Holocaust-Mahnmal in Berlin zu gehen – zwischen den Plattformen wie Särgen – gehört dazu.
Aber Denkmäler reichen nicht – es braucht Bilder, Geschichten, Stimmen – durch die wir verstehen: das war echt. Das ist wirklich passiert. So war es.
Damit wir Zugang bekommen – und uns vorstellen können, wie es gewesen wäre, wenn wir das erlebt hätten.
Stell Dir vor… Diese Art von Erinnerung braucht es. Menschlich, beweglich, lebendig. Der Holocaust ist kein Tabu – er darf und muss berührt werden und berühren lassen. Auch wenn es schmerzt. Es ist okay, wenn es schmerzt.
Nicht abschließen, sondern tragen
Ja, der Holocaust verlangt nicht, dass wir ihn weg integrieren.
Gerade nicht.
Sondern, dass wir ihn tragen.
Er bleibt die Störung in Raum und Zeit, egal wie er sich zeigt: Block, Schatten, zerlegt in seine schmerzlichen Einzelteile.
Ein ewiger Riss, der sich nicht schließen lässt.
Und der immer wieder zum Nachdenken zwingt.
Und zum Bezeugen dessen, was war.
Gegen das Vergessen.
Für das: Nie wieder.





