Wer gesellschaftlichen Diskurs führen will, muss die vielfach verwendeten Begriffe & ihre Abgrenzungen verstehen.
Viele Wörter, die wir täglich hören – Kapitalismus, Kolonialismus, Apartheid, Zionismus, Propaganda – werden verwendet, ohne dass klar ist, was sie bedeuten, wie sie sich unterscheiden und welche Machtstrukturen sie beschreiben.
Dieses Glossar sammelt die zentralen politischen, historischen und psychologischen Begriffe, die unsere Zeit prägen.
Präzise. Verständlich. Zugänglich.
Nicht als Wörterbuch.
Sondern als Kompass.
Ein Kompass für Menschen, die verstehen wollen, was unter der Oberfläche unserer Welt wirkt.
🧭 Worum es hier geht
Dieses Glossar bietet präzise Definitionen zu den politischen, historischen und psychologischen Begriffen, die unsere Gegenwart prägen.
Es ist ein Werkzeug, um Diskussionen zu klären, Mechaniken zu verstehen und Begriffe nicht länger diffuser Rhetorik zu überlassen.
Kategorie: Welt & Begriffe
Schwerpunkt: Systeme · Ideologien · Herrschaft · Geschichte · kollektive Mechaniken
These: Wer die Begriffe versteht, versteht die Muster.
Lesedauer: variabel je Begriff
Überblick über die Kategorien
Alle Begriffe ordnen sich in eine entsprechend gekennzeichnete Kategorie ein. Einige wirken über mehrere Ebenen hinweg. Die Zuordnung folgt ihrer primären Funktion – die Zweitzuordnung ist als entsprechendes Icon ergänzt.
◇ KATEGORIE A – Systeme & Ideologien
▲ KATEGORIE B – Macht- & Dominanzstrukturen
● KATEGORIE C – Ereignisse & gesellschaftliche Traumata
≡ KATEGORIE D – Mechaniken & Werkzeuge
∞ KATEGORIE E – Nationale/Mythische Konstruktionen
◇ KATEGORIE A – Systeme & Ideologien
→ steht für Struktur, Ordnung, Rahmen
Hier liegen die großen ordnenden Denk- und Machtmodelle, also ideologische Rahmen, aus denen Praxis entsteht.
Begriffe, die Gesellschaften formen – und oft erst viel später verstanden werden.
◇ Antisemitismus
→ Siehe: Strukturartikel / Essay (Link folgt)
◇ Demokratie
Essenz:
Ein politisches System, in dem politische Macht durch die Bevölkerung legitimiert wird und alle Menschen gleiche politische Rechte besitzen.
Kernmerkmale:
Freie Wahlen · Gewaltenteilung · Rechtsstaatlichkeit · Pluralismus · Minderheitenschutz · Politische Partizipation · Institutionelle Kontrolle (Checks & Balances)
Illusion:
Dass formale demokratische Strukturen dauerhaft Stabilität garantieren.
Warum relevant:
Weil viele heutige Demokratien demokratische Sprache nutzen, während sie autoritäre Praktiken einführen.
Merksatz:
Demokratie ist kein Zustand – sie ist ein Verhalten einer Gesellschaft.
◇ Faschismus
Essenz:
Eine radikal nationalistische, antidemokratische Ideologie, die eine organische Einheit von Volk und Staat anstrebt und pluralistische Ordnung ablehnt.
Kernmerkmale:
Ultranationalismus · Führerprinzip · Ablehnung liberaler Demokratie · Mobilisierung durch Feindbilder · Gewalt als legitimes politisches Mittel
Struktur:
Faschistische Bewegungen streben nach nationaler Homogenität und hierarchischer Ordnung.
Abgrenzung:
Faschismus ist eine Ideologie; er kann sich in autoritären oder totalitären Herrschaftsformen verwirklichen.
Merksatz:
Faschismus erhebt Nation und Einheit über Freiheit und Pluralismus.
◇ Imperialismus
Essenz:
Eine politische Strategie oder Ideologie, mit der ein Staat seine Macht über andere Territorien oder Völker ausdehnt.
Kernmerkmale:
Expansion · Dominanz · Hierarchische Weltordnung · Kontrolle über Ressourcen oder Handelswege
Formen:
Territorialer Imperialismus · Informeller (ökonomischer) Imperialismus · Hegemoniale Einflusszonen
Abgrenzung:
Imperialismus beschreibt das Expansionsprinzip; Kolonialismus ist eine konkrete Praxis territorialer Herrschaft.
Merksatz:
Imperialismus strebt nicht nur Einfluss – sondern Überordnung.
◇ Kapitalismus
Essenz:
Eine Wirtschaftsordnung, in der Produktionsmittel überwiegend privat besessen werden und wirtschaftliche Koordination über Märkte erfolgt.
Kernmerkmale:
Privateigentum · Gewinnorientierung · Wettbewerb · Kapitalakkumulation · Lohnarbeit
Strukturlogik:
Wirtschaftliches Wachstum entsteht durch Investition von Kapital mit dem Ziel der Rendite.
Historischer Kontext:
Entstand im Übergang vom Feudalismus zur industriellen Moderne (18./19. Jahrhundert).
Debattenpunkt:
Kritisiert wird insbesondere die Wachstumslogik und die Frage, ob Marktmechanismen soziale und ökologische Grenzen ausreichend berücksichtigen.
Merksatz:
Kapitalismus organisiert wirtschaftliche Prozesse über Kapital und Märkte.
◇ Kolonialismus
Essenz:
Ein politisch-ökonomisches System, bei dem ein Staat oder Machtzentrum Gebiete außerhalb seines eigenen Territoriums dauerhaft kontrolliert und deren Bevölkerung politisch, wirtschaftlich und kulturell dominiert.
Kernmerkmale:
Fremdherrschaft · Ressourcennutzung · Siedlungs- oder Verwaltungsstrukturen · Hierarchisierung von Kulturen · Ungleiche Machtverhältnisse
Strukturlogik:
Kolonialismus stabilisiert Macht durch territoriale Kontrolle und wirtschaftliche Ausbeutung externer Räume.
Historischer Kontext:
Besonders prägend im europäischen Expansionismus vom 15. bis 20. Jahrhundert; wirkt bis heute in globalen Ungleichheitsstrukturen nach.
Abgrenzung zu Imperialismus:
Imperialismus beschreibt das Streben nach Ausdehnung von Macht und Einfluss.
Kolonialismus bezeichnet die konkrete Praxis territorialer Kontrolle und Besiedlung.
Merksatz:
Kolonialismus institutionalisiert Fremdherrschaft über Territorium und Bevölkerung.
◇ Kommunismus
Essenz:
Eine politische und ökonomische Theorie, die auf die Abschaffung von Privateigentum an Produktionsmitteln und die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft abzielt.
Kernmerkmale:
Gemeineigentum · Aufhebung von Klassenunterschieden · Bedürfnisorientierte Verteilung · Internationale Solidarität
Theoretischer Ursprung:
Vor allem geprägt durch Karl Marx und Friedrich Engels im 19. Jahrhundert als Weiterentwicklung sozialistischer Ideen.
Strukturlogik:
Geschichte wird als Klassenkampf verstanden; Ziel ist die Überwindung kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse.
Historische Umsetzung:
Im 20. Jahrhundert entstanden staatssozialistische Systeme (z. B. Sowjetunion, Maoismus), die häufig autoritäre oder totalitäre Strukturen entwickelten.
Abgrenzung zu Sozialismus:
Sozialismus umfasst unterschiedliche Modelle kollektiver Wirtschaftsorganisation;
Kommunismus bezeichnet das theoretische Endstadium einer klassenlosen Gesellschaft.
Merksatz:
Kommunismus zielt auf die Aufhebung von Klassen – nicht nur auf Umverteilung.
◇ Liberalismus
Essenz:
Eine politische Denktradition, die die Freiheit und Rechte des Individuums gegenüber staatlicher und kollektiver Macht schützt.
Kernmerkmale:
Individuelle Freiheit · Rechtsstaatlichkeit · Gewaltenteilung · Schutz von Grundrechten · Privateigentum · Freier Wettbewerb
Wirtschaftliche Dimension (je nach Strömung):
Privateigentum · Freier Wettbewerb
Menschenbild:
Der Mensch gilt als vernunftfähig, eigenverantwortlich und zur Selbstbestimmung befähigt.
Strömungen:
Klassischer Liberalismus (Minimalstaat) · Sozialliberalismus (Freiheit braucht soziale Voraussetzungen) · Neoliberalismus (marktorientierte Neuinterpretation)
Historischer Ursprung:
Entstanden im 18./19. Jahrhundert als Gegenbewegung zu Absolutismus und feudaler Herrschaft.
Warum relevant:
Weil moderne Demokratien in ihren Grundstrukturen auf liberalen Ideen beruhen – zugleich aber oft unter Berufung auf „Freiheit“ sehr unterschiedliche Politiken legitimieren.
Merksatz:
Liberalismus versteht Freiheit als Schutz vor Machtkonzentration.
◇∞ Nationalismus
Essenz:
Eine politische Ideologie, die davon ausgeht, dass die Welt in Nationen gegliedert ist und jede Nation das Recht auf politische Selbstbestimmung – häufig in Form eines eigenen Staates – besitzt.
Kernmechanik:
Kollektive Identitätsbildung durch Abgrenzung nach außen („Wir“ vs. „Nicht-Wir“).
Strukturlogik:
Bindet politische Legitimität an kulturelle, sprachliche oder ethnische Gemeinsamkeit.
Ambivalenz:
Kann solidarische Zugehörigkeit stiften – oder in Exklusivität, Überlegenheitsnarrative und Feindbilder kippen.
Warum relevant:
Weil nationale Identität im 21. Jahrhundert sowohl als demokratisches Selbstbestimmungsrecht als auch als Machtinstrument politisch mobilisiert wird.
Merksatz:
Nationalismus verbindet – indem er unterscheidet.
◇ Nationalsozialismus
Essenz:
Eine totalitäre, rassistisch-biologistische Ideologie und Herrschaftsform, die im Deutschen Reich (1933-1945) verwirklicht wurde und auf radikalem Antisemitismus, Führerprinzip und expansivem Nationalismus beruhte.
Kernmerkmale:
Rassenideologie · Antisemitismus als Staatsdoktrin · Führerprinzip · Einparteienherrschaft · Gleichschaltung · Militarisierung · Systematische Verfolgung und Vernichtung
Strukturlogik:
Verknüpfung von totalitärem Machtanspruch mit biologischer Hierarchisierung von Menschen und eliminatorischer Gewalt.
Abgrenzung:
Während der Faschismus allgemein ultranationalistisch und autoritär ist, zeichnete sich der Nationalsozialismus durch eine konsequent rassistisch begründete Vernichtungspolitik aus.
Historischer Kontext:
Deutschland 1933-1945 unter Adolf Hitler; verantwortlich für den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg.
Merksatz:
Der Nationalsozialismus verband totalitäre Herrschaft mit systematischer, rassistisch begründeter Vernichtungspolitik.
◇ Neoliberalismus
Essenz:
Eine politische und ökonomische Strömung, die Marktmechanismen als primäres Ordnungsprinzip gesellschaftlicher Organisation betrachtet und staatliche Eingriffe zugunsten von Wettbewerb und Privatinitiative reduziert.
Kernmerkmale:
Privatisierung · Deregulierung · Globalisierung · Wettbewerbsorientierung · Fiskalische Disziplin
Menschenbild:
Der Mensch erscheint als eigenverantwortlicher Marktakteur („unternehmerisches Selbst“), der Risiken und Chancen individuell trägt.
Strukturlogik:
Gesellschaftliche Probleme werden bevorzugt über Marktinstrumente statt über kollektive politische Steuerung gelöst.
Historischer Kontext:
Entwickelt im 20. Jahrhundert (u. a. Hayek, Friedman) als Reaktion auf Keynesianismus und staatsinterventionistische Modelle.
Debattenpunkt:
Kritisiert wird insbesondere die Tendenz, soziale Risiken zu individualisieren und öffentliche Güter marktförmig zu organisieren.
Merksatz:
Neoliberalismus verschiebt Verantwortung vom Staat auf das Individuum – und vom Kollektiv auf den Markt.
◇ Sozialismus
Essenz:
Eine politische Denktradition, die wirtschaftliche Ungleichheit begrenzen und zentrale Produktionsmittel stärker gemeinschaftlich oder staatlich organisieren will, um soziale Gerechtigkeit zu fördern.
Kernmerkmale:
Soziale Gleichheit · Solidarität · Gemeinwohlorientierung · Begrenzung von Kapitalmacht · Demokratische Kontrolle wirtschaftlicher Strukturen
Menschenbild:
Der Mensch ist kein isolierter Marktakteur, sondern Teil einer sozialen Gemeinschaft mit gegenseitiger Verantwortung.
Strömungen:
Demokratischer Sozialismus · Sozialdemokratie · Revolutionärer Sozialismus · Staatssozialismus
Historischer Kontext:
Entstand im 19. Jahrhundert als Reaktion auf Industrialisierung und soziale Verwerfungen des frühen Kapitalismus.
Abgrenzung zu Kommunismus:
Sozialismus umfasst ein breites Spektrum reformistischer bis revolutionärer Ansätze; der Kommunismus formuliert die Vision einer klassenlosen Gesellschaft ohne Privateigentum an Produktionsmitteln als Endzustand.
Debattenpunkt:
Die Spannungsfrage lautet: Wie viel wirtschaftliche Gleichheit ist mit individueller Freiheit vereinbar?
Merksatz:
Sozialismus versucht, wirtschaftliche Macht zu demokratisieren.
◇ Technokratie
Essenz:
Eine Herrschaftsform oder Regierungsweise, in der politische Entscheidungen primär von fachlichen Expert:innen und technischen Spezialist:innen getroffen oder maßgeblich geprägt werden.
Kernprinzip:
Legitimation durch Expertise statt durch demokratische Mehrheitsentscheidung.
Kernmerkmale:
Vorrang von wissenschaftlichen Daten und Effizienz · Sachzwang-Argumentation · Expertengeleitete Entscheidungsprozesse · Reduzierte oder indirekte demokratische Beteiligung
Menschenbild:
Der Mensch erscheint vor allem als rational steuerbares Mitglied eines Systems, dessen Bedürfnisse plan- und optimierbar sind.
Historischer Ursprung:
Frühes 20. Jahrhundert (Technokratische Bewegung in den USA) als Reaktion auf wirtschaftliche Krisen und Zweifel an parlamentarischer Handlungsfähigkeit.
Strukturformen:
Expertenkabinette in Krisenzeiten · Dauerhafte Dominanz technischer Eliten · Datenbasierte Governance-Modelle
Beispiele:
Technokratische Übergangsregierungen in Europa (z. B. Italien, Griechenland 2011/12) · Elemente technokratischer Elite-Strukturen in China
Abgrenzung:
Unterschied zur Demokratie: Legitimation erfolgt primär über Kompetenz, nicht über Volkssouveränität
Unterschied zur Autokratie: Macht basiert nicht zwingend auf einer Einzelperson, sondern auf Expertennetzwerken
Warum relevant:
Weil datengetriebene Steuerungslogiken und Expertengremien weltweit zunehmend politischen Einfluss gewinnen.
Merksatz:
Technokratie vertraut auf Wissen – nicht auf Mehrheiten.
◇∞ Zionismus
Essenz:
Eine politische Bewegung des späten 19. Jahrhunderts, die die Gründung und Sicherung eines jüdischen Nationalstaates anstrebte – historisch bezogen auf das Gebiet Palästinas.
Historischer Kontext:
Entstand im europäischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts und als Reaktion auf Antisemitismus, Pogrome und fehlende politische Gleichstellung von Juden in Europa.
Zentrale Figur: Theodor Herzl.
Grundidee:
Jüdische Selbstbestimmung durch territoriale Staatlichkeit.
Wichtige Differenzierung:
Zionismus ≠ Judentum.
Er ist eine politische Ideologie innerhalb des Judentums – keine religiöse Lehre.
Es existieren religiöse, säkulare, sozialistische, liberale und revisionistische Spielarten des Zionismus.
Innere Spannungen:
Der Zionismus bewegt sich zwischen zwei Polen:
Sicherheitsprojekt · Nationalstaatlichkeit
Debattenfeld:
Je nach Ausprägung und politischer Praxis wird Zionismus als nationale Selbstbestimmung, als ethnonationale Ideologie oder – insbesondere in Bezug auf Siedlungspolitik – als Form von Siedlerkolonialismus interpretiert.
Warum relevant:
Weil der Zionismus als Staatsideologie Israels zentrale Auswirkungen auf regionale Machtverhältnisse und den israelisch-palästinensischen Konflikt hat.
Merksatz:
Zionismus ist die politische Antwort auf jüdische Unsicherheit in einer nationalstaatlich organisierten Welt.
▲ KATEGORIE B – Macht- & Dominanzstrukturen
→ steht für Macht, Dominanz, Hierarchie
Diese Kategorie beschreibt Formen organisierter politischer Macht,
in denen Hierarchie, Kontrolle und strukturelle Gewalt systematisch verankert sind.
Hier wird sichtbar, wie Macht stabilisiert, abgesichert und durchgesetzt wird.
▲ Apartheid
Essenz:
Ein Herrschaftssystem, das Menschen anhand zugeschriebener ethnischer oder rassischer Merkmale systematisch trennt und ihnen unterschiedliche Rechte zuweist.
Kernmerkmale:
Rechtlich verankerte Segregation · Ungleiche politische Partizipation · Getrennte Lebensräume · Einschränkung von Bewegungsfreiheit
Historischer Ursprung:
Als staatlich kodifiziertes System insbesondere in Südafrika (1948–1994); der Begriff ist heute auch im Völkerrecht verankert (Internationales Übereinkommen gegen Apartheid).
Gegenwartsbezug:
Der Begriff wird in aktuellen politischen Debatten teilweise auch auf andere Kontexte angewendet; diese Einordnungen sind international umstritten.
Merksatz:
Apartheid beschreibt eine rechtlich institutionalisierte Trennung mit systematischer Ungleichbehandlung.
▲ Autokratie
Essenz:
Ein politisches System, in dem Macht in den Händen einer einzelnen Person oder einer kleinen Gruppe konzentriert ist und nicht wirksam durch freie und gleichberechtigte politische Beteiligung der Bevölkerung kontrollierbar ist.
Formen / Ausprägungen:
Diktatur · Autoritäres Regime · Absolute Monarchie · Elektorale (Wahl-)Autokratie
Kernmerkmale:
Machtkonzentration · Eingeschränkte oder fehlende Gewaltenteilung · Begrenzte politische Opposition · Kontrolle oder Einflussnahme auf Medien · Schwächung oder Instrumentalisierung unabhängiger Gerichte und Kontrollinstanzen
Illusion:
Dass formale Wahlen oder verfassungsrechtliche Strukturen automatisch demokratische Legitimität bedeuten.
Warum relevant:
Weil sich politische Systeme graduell von demokratischen zu autokratischen Strukturen entwickeln können, ohne sich offen so zu bezeichnen.
Merksatz:
Autokratie beschreibt die Konzentration politischer Macht ohne wirksame demokratische Kontrolle.
▲ Autoritarismus
Essenz:
Eine Herrschaftsform, in der politische Macht zentralisiert ausgeübt und demokratische Kontrolle systematisch eingeschränkt wird.
Kernmerkmale:
Begrenzte politische Opposition · Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit · Konzentration exekutiver Macht · Schwache oder formal bestehende Gewaltenteilung
Struktur:
Autoritäre Systeme sichern politische Herrschaft durch Kontrolle und Begrenzung pluralistischer Prozesse, ohne zwingend alle Lebensbereiche ideologisch zu durchdringen.
Abgrenzung:
Im Unterschied zum Totalitarismus zielt der Autoritarismus primär auf politische Kontrolle – nicht auf die vollständige ideologische Umformung von Gesellschaft und Individuum.
Merksatz:
Autoritarismus begrenzt politische Freiheit – Totalitarismus beansprucht die ganze Wirklichkeit.
▲ Ethnokratie
Essenz:
Ein politisches System, in dem staatliche Institutionen und Machtstrukturen so ausgestaltet sind, dass eine ethnisch definierte Bevölkerungsgruppe strukturell privilegiert wird.
Kernmerkmale:
Ungleich verteilte Staatsbürgerrechte · Bevorzugter Zugang zu Land und Ressourcen · Asymmetrische politische Repräsentation · Sicherheits- und Kontrollstrukturen zugunsten einer dominanten Gruppe
Abgrenzung zur Demokratie:
In einer liberalen Demokratie basiert staatliche Zugehörigkeit auf formaler Gleichheit der Bürger:innen.
In einer Ethnokratie bleibt politische Zugehörigkeit faktisch an ethnische Identität gekoppelt – auch wenn demokratische Institutionen formal bestehen.
Gegenwartsbezug:
In der politikwissenschaftlichen Literatur wird der Begriff u. a. zur Analyse Israels verwendet.
Merksatz:
Ethnokratie bezeichnet eine staatliche Ordnung, in der ethnische Zugehörigkeit politische Privilegien strukturiert.
▲ Kleptokratie
Essenz:
Eine Herrschaftsform, in der staatliche Macht systematisch zur persönlichen oder gruppenbezogenen Bereicherung der Führungsschicht genutzt wird.
Kernmerkmale:
Korruption auf höchster Ebene · Zweckentfremdung staatlicher Ressourcen · Vermischung von öffentlichem Amt und privatem Vorteil
Struktur:
Kleptokratie ist weniger eine eigene Staatsform als eine degenerierte Ausprägung bestehender Machtstrukturen.
Abgrenzung:
Während Oligarchie Macht bei wenigen konzentriert, beschreibt Kleptokratie die systematische Selbstbereicherung durch diese Macht.
Merksatz:
In der Kleptokratie wird der Staat zur Beute.
▲ Oligarchie
Essenz:
Eine Herrschaftsform, in der politische Macht von einer kleinen, meist wirtschaftlich oder sozial privilegierten Elite ausgeübt wird.
Kernmerkmale:
Machtkonzentration in elitären Netzwerken · Begrenzter Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen · Verflechtung von wirtschaftlicher und politischer Macht
Struktur:
Oligarchien können formale demokratische Strukturen aufweisen, während tatsächliche Entscheidungsmacht in informellen Elitenzirkeln konzentriert bleibt.
Abgrenzung:
Im Unterschied zur Autokratie herrscht nicht eine Einzelperson, sondern eine kleine Gruppe.
Im Unterschied zur Demokratie ist politische Macht nicht gleich verteilt oder frei zugänglich.
Merksatz:
Oligarchie bedeutet: Wenige entscheiden für viele.
▲ Polizeistaat
Essenz:
Ein Staat, in dem politische Kontrolle primär durch Sicherheitsapparate, Überwachung und Repression abgesichert wird.
Kernmerkmale:
Ausgeweitete Befugnisse von Polizei und Geheimdiensten · Einschränkung von Bürgerrechten · Überwachung öffentlicher und privater Räume · Einschüchterung politischer Opposition
Struktur:
Der Polizeistaat ist weniger eine eigene Ideologie als eine Technik der Machtsicherung.
Abgrenzung:
Ein autoritäres oder totalitäres System kann polizeistaatliche Strukturen ausprägen, aber nicht jeder starke Sicherheitsapparat macht einen Staat automatisch zum Polizeistaat.
Merksatz:
Im Polizeistaat sichert Kontrolle die Ordnung – nicht Vertrauen.
▲ Rassismus
Essenz:
Ein System von Zuschreibungen und Machtverhältnissen, das Menschen anhand vermeintlicher biologischer oder kultureller Merkmale hierarchisiert.
Kernmerkmale:
Konstruktion von Gruppenunterschieden · Zuschreibung von Eigenschaften · Legitimation ungleicher Behandlung
Strukturelles Element:
Rassismus wirkt nicht nur als individuelles Vorurteil, sondern als gesellschaftliches Ordnungsprinzip, das politische, wirtschaftliche und soziale Ungleichheit stabilisieren kann.
Abgrenzung:
Während Diskriminierung einzelne Handlungen beschreibt, bezeichnet Rassismus eine strukturierende Ideologie und Praxis, die Hierarchien zwischen Gruppen legitimiert.
Merksatz:
Rassismus ordnet Menschen in Wertstufen und macht Ungleichheit zur Normalität.
▲ Siedlerkolonialismus
Essenz:
Eine Form des Kolonialismus, bei der nicht primär die Ausbeutung von Ressourcen im Vordergrund steht, sondern die dauerhafte Besiedlung eines Territoriums mit dem Ziel struktureller Kontrolle über Land und Bevölkerung.
Kernmerkmale:
Demografische Verschiebung durch Ansiedlung · Marginalisierung oder Verdrängung der bestehenden Bevölkerung · Langfristige territoriale Sicherung
Abgrenzung zum klassischen Kolonialismus:
Klassischer Kolonialismus zielt häufig auf wirtschaftliche Ausbeutung bei fortbestehender indigener Bevölkerung.
Siedlerkolonialismus strebt eine dauerhafte Neustrukturierung der Bevölkerungs- und Eigentumsverhältnisse an.
Historischer Kontext:
Beispiele werden u. a. in Nordamerika, Australien oder Südafrika diskutiert.
Gegenwartsbezug:
In der Siedlerkolonialismus-Forschung wird Israel/Palästina als Fallbeispiel analysiert.
Merksatz:
Siedlerkolonialismus beschreibt die dauerhafte Transformation eines Territoriums durch Besiedlung und strukturelle Verdrängung.
▲ Theokratie
Essenz:
Eine Herrschaftsform, in der politische Macht religiös legitimiert ist und religiöse Autoritäten maßgeblich oder letztentscheidend an der Staatsgewalt beteiligt sind.
Kernmerkmale:
Religiöse Legitimation der Herrschaft · Fehlende Trennung von Staat und Religion · Religiöse Normen prägen oder ersetzen staatliches Recht · Geistliche Autorität über politischer Entscheidungsmacht
Rechtssystem:
Gesetzgebung und Rechtsprechung orientieren sich an religiösen Schriften oder religiös interpretierten Normen (z. B. kanonisches Recht, Scharia).
Strukturformen:
Direkte Herrschaft religiöser Führer · Religiöse Aufsicht über gewählte Institutionen · Kombination aus Wahlverfahren und religiöser Letztinstanz
Beispiele:
Iran (religiöse Oberaufsicht über gewählte Organe) · Vatikanstaat (geistliche Herrschaftsstruktur)
Abgrenzung:
Unterschied zur Demokratie: fehlende oder eingeschränkte Trennung von religiöser und staatlicher Gewalt
Unterschied zur Autokratie: Legitimation beruht primär auf religiöser Autorität, nicht auf persönlicher oder dynastischer Macht
Warum relevant:
Weil in verschiedenen politischen Systemen religiöse Legitimation wieder stärker in staatliche Machtstrukturen eingebunden wird.
Merksatz:
In der Theokratie wird politische Autorität religiös begründet.
▲ Totalitarismus
Essenz:
Eine Herrschaftsform, die den Anspruch erhebt, alle gesellschaftlichen und privaten Lebensbereiche ideologisch zu durchdringen und politisch zu kontrollieren.
Kernmerkmale:
Allumfassende Ideologie · Einheitspartei oder monopolistische Machtstruktur · Systematische Mobilisierung der Bevölkerung · Durchdringung von Politik, Gesellschaft und Privatleben · Terror oder Repression als Instrument der Herrschaftssicherung
Struktur:
Totalitäre Systeme streben nach vollständiger Unterordnung des Individuums unter eine verbindliche Ideologie.
Abgrenzung:
Während autoritäre Systeme politische Macht sichern, zielt der Totalitarismus auf die ideologische Umformung von Gesellschaft und individueller Identität.
Merksatz:
Totalitarismus will nicht nur Macht – er beansprucht Deutungshoheit über Wirklichkeit.
● KATEGORIE C – Ereignisse & gesellschaftliche Traumata
→ steht für Zentrum, Wunde, Singularität
Hier werden historische Erschütterungen eingeordnet, die tiefer reichen als politische Fakten.
Sie sind Wunden, die Gesellschaften prägen und über Generationen weiterwirken.
● Genozid (anthropologisch, nicht juristisch)
Essenz:
Die systematische Zerstörung eines Volkes – nicht nur physisch, sondern kulturell, sozial, psychologisch.
Anthropologische Perspektive:
Genozid beginnt nicht mit Tötung, sondern mit Entmenschlichung, Entwurzelung, Identitätszerstörung.
Warum relevant:
Weil viele Genozide historisch erst spät als solche erkannt wurden.
Merksatz:
Genozid tötet nicht nur Körper – er soll ein Volk aus der Zeit löschen.
● Holocaust
Essenz:
Begriff für den industriell organisierten Massenmord an sechs Millionen Juden und weiteren Opfergruppen durch das NS-Regime.
Problematik des Begriffs:
„Holocaust“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Brandopfer“ – was viele jüdische Gemeinden als unpassend oder irreführend empfinden.
Warum heute relevant:
Weil er global als Symbol für die extremste Form staatlich organisierter Vernichtung steht.
Merksatz:
Der Holocaust war ein Bruch in der Menschheitsgeschichte, kein historisches Kapitel.
● Nakba
Essenz:
Arabisch für Katastrophe: die massenhafte Vertreibung von über 750.000 Palästinenser:innen 1948.
Historisch:
Zerstörung von Dörfern, Landenteignung, Flucht, Exil.
Symbolisch:
Die Nakba ist ein kollektives Trauma – ein offener Raum, der in jeder Generation neu aufreißt.
Warum heute relevant:
Weil sie kein abgeschlossenes Ereignis ist, sondern eine Struktur, die bis heute andauert („Nakba ongoing“).
Merksatz:
Die Nakba ist nicht Vergangenheit – sie ist der Schatten, in dem ein Volk bis heute lebt.
● Shoah
Essenz:
Hebräisch für „Katastrophe“ oder „Zerstörung“; bevorzugte Bezeichnung vieler jüdischer Menschen für das, was die Nazis taten.
Begriffsebene:
Shoah beschreibt keine Opferrolle, sondern den existenziellen Bruch.
Warum relevant:
Weil der Begriff selbst schon Zeugnis ist.
Merksatz:
Shoah ist nicht nur die Bezeichnung eines Verbrechens – sie ist die Sprache des Überlebens.
≡ KATEGORIE D – Mechaniken & Werkzeuge
→ steht für Prozesse, Wiederholung, Mechanismen
Begriffe, die beschreiben, wie Systeme wirken, nicht nur was sie sind.
Die Mechanik hinter der Oberfläche.
≡ Extremismus
≡ Hasbara
Essenz:
Israelische Staatspropaganda, die darauf abzielt, das internationale Image des Staates positiv zu beeinflussen.
Mechaniken:
Narrativsteuerung, Medienkampagnen, Social-Media-Armeen, „Reframing“ von Kritik als Antisemitismus.
Warum relevant:
Weil Hasbara ein eigenes politisches System hinter dem politischen System bildet.
Merksatz:
Hasbara erklärt nicht – sie verteidigt.
≡∞ Kulturkampf
Essenz:
Wird oft benutzt, um Konflikte über Lebensweisen, Sprache oder Identität zu beschreiben.
Problem:
Tatsächlich handelt es sich meist um eine politisch erzeugte Dauererregung, die von konkreten Sachfragen ablenkt.
Der Begriff suggeriert, es gäbe zwei „Kulturen“, die gegeneinander kämpfen müssten – was die gesellschaftliche Spaltung eher verstärkt als erklärt.
Merksatz:
Kulturkampf ist Fassade – und dient nur der Ablenkung und keiner Lösung.
≡ Populismus
≡ Propaganda
Essenz:
Die systematische Manipulation von Wahrnehmung, um Verhalten oder Meinung zu steuern.
Kernmechanik:
Wiederholung, Emotionalisierung, Vereinfachung, Feindbildproduktion.
Spezialfall heute:
Digitale Propaganda wirkt über Mikro-Emotionen statt große Parolen.
Warum heute relevant:
Weil Staaten, Medien und Akteure Narrative nicht nur verbreiten, sondern algorithmisch optimieren.
Merksatz:
Propaganda sagt Dir nicht, was Du denken sollst – sondern, worüber Du nachdenken darfst.
∞ KATEGORIE E – Nationale/Mythische Konstruktionen
→ steht für Narrative, Identitätsmythen, Dauerfantasien
Hier liegen die Geschichten, die sich Staaten selbst erzählen: „Nation“, „Volk“, „Heimat“, nationale Missionen.
Die Mythen, die Macht stabilisieren.
∞ Ethnizität
Essenz:
Eine soziale, kulturelle oder historische Zugehörigkeit, die Menschen verbindet – ohne biologische Grundlage.
Kernmechanik:
Gemeinsame Narrative, Symbole, Abstammungsmythen, Sprache, Geschichte.
Wichtig:
Ethnizität ist flexibel und sozial konstruiert – sie ist erlebt, nicht geerbt.
Warum relevant:
Weil moderne Konflikte oft ethnisiert werden, obwohl ihre Ursachen politisch oder ökonomisch sind.
Merksatz:
Ethnizität trennt nicht – Ideologien tun es.
Abgrenzungen & Spannungsfelder
Manche Begriffe erschließen sich leichter in der Abgrenzung zueinander. Hier ein Überblick über die aus meiner Sicht wesentlichen Begriffspaare und deren Unterschiede.
Die Abgrenzung fragt:
- Was ist strukturell anders?
- Wo liegt der Unterschied im Machtverständnis?
- Was ist Ziel, was ist Mittel?
Herrschaftsintensität
Demokratie ↔ Autoritarismus
Autoritarismus ↔ Autokratie
Autoritarismus ↔ Totalitarismus
Totalitarismus ↔ Imperialismus
Technokratie ↔ Demokratie
Theokratie ↔ Säkularer Staat
Meta-Spannungsfeld: Demokratie – Autokratie – Autoritarismus – Totalitarismus
Expansionslogik
Imperialismus ↔ Kolonialismus
Kolonialismus ↔ Siedlerkolonialismus
Siedlerkolonialismus ↔ Zionismus
Ideologiefamilien
Liberalismus ↔ Neoliberalismus
Liberalismus ↔ Zionismus
Zionismus ↔ Nationalismus
Nationalismus ↔ Nationalsozialismus
Nationalsozialismus ↔ Faschismus
Nationalsozialismus ↔ Sozialismus
Sozialismus ↔ Kommunismus
Meta-Feld: Ideologie – Ausprägung – Herrschaftsintensität
Faschismus
→ ideologischer Typus (ultranationalistisch, antidemokratisch, mobilisierend)
Nationalsozialismus
→ historische deutsche Ausprägung des Faschismus mit rassistisch-biologistischem Vernichtungsprogramm
Totalitarismus
→ Strukturform der Herrschaft, die totale ideologische Durchdringung anstrebt
(kann auch in anderen Ideologien auftreten, z. B. Stalinismus)
⚠ Begriffliche Vermischungen
Einige politische Begriffe werden im öffentlichen Diskurs häufig synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche analytische Bedeutungen besitzen.
Besonders betroffen sind:
- Autoritarismus
- Totalitarismus
- Faschismus
- Nationalsozialismus
Hier wird im öffentlichen Diskurs ständig vermischt.
Alles ist „faschistisch“.
Alles ist „totalitär“.
Alles ist „autoritär“.
Und dadurch verliert man die Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen.
Und ohne Unterschiede → keine Diagnosefähigkeit.
Eine präzise Unterscheidung ist notwendig, um historische und aktuelle Entwicklungen angemessen einordnen zu können.
Wenn man nicht unterscheidet:
- verliert Totalitarismus seine Schärfe
- wird Faschismus zur rhetorischen Keule
- wird Autoritarismus unterschätzt
- wird Nationalsozialismus banalisiert
Dieses Glossar ist ein lebendiger Raum.
Wenn Du einen Begriff vermisst, einen Gedanken teilen willst oder eine Ergänzung siehst – bring ihn gern ein.
Denken ist hier ein Gemeinschaftsakt.
.Lies gern weiter:
👉 Gaza & Israel: Auf der Seite der Menschlichkeit
(Grundverständnis, Kontext, Einordnung)
👉 Was uns Israel und Palästina über Täter–Opfer-Dynamiken lehren
(Psychologische Mechaniken auf kollektiver Ebene)
👉 Die Illusionen Israels
(Illusionsmechaniken politischer Systeme)
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