Eine Betrachtung über Gaza, mediale Betäubung, politische Friedensrhetorik und die Zumutung, wach zu bleiben
Es ist Juli 2026. Auf arte.tv läuft eine Reportage über das Westjordanland und über palästinensische Kinder, die durch das israelische Militär getötet wurden. Natürlich betrifft das nicht nur Kinder – auch palästinensische Männer und Frauen werden getötet.
Aber, was auffällt und nicht erst seit heute: Es sterben überproportional viele palästinensische Kinder durch die Gewalt eines Staates, der diese Tötungen viel zu oft nicht aufklärt, nicht verhindert und nicht als das behandelt, was sie sind: Leben, die ausgelöscht wurden. Die Reportage zeigt es. Sie zeigt das Leid der palästinensischen Familien.
Mein Reflex ist – wegzuschalten, weil es kaum zu ertragen ist. Alles, was mit Palästina, Gaza und dem Westjordanland zu tun hat, ist kaum zu ertragen. Aber es ist nicht weg. Die Gewalt ist nicht weg. Das Grauen ist nicht weg. Der Genozid ist immer noch da. Das Leid der Palästinenser:innen hält unvermindert an – auch wenn es aus den Schlagzeilen verschwunden ist.
Und deshalb schreibe ich hier darüber. Um zu bezeugen, dass es immer noch da ist – zu sehen ist – und angeschaut werden muss. Ja, muss.
🧭 Worum geht es hier?
Dieser Artikel ist keine klassische Nachrichtenzusammenfassung, sondern eine persönliche und politische Betrachtung über Gaza und das Westjordanland, mediale Aufmerksamkeit, Friedensrhetorik und die Verantwortung, nicht wegzusehen. Er enthält sensible Inhalte zu Gewalt, Verlust und Ohnmacht angesichts von Leid.
Lesedauer: ca. 10 Min.
Das palästinensische Leid ist noch da
Es verschwindet nicht, auch wenn es nicht durch Schlagzeilen bestätigt wird. Es bleibt, wenn ich nicht hinsehe. Ich habe schon in meinem großen Artikel über Gaza geschrieben, wie schnell wir persönlich – und als Gesellschaft – überfordert sind mit Schreckensmeldungen über ein anderes Volk, eine andere Region. Wie stark der Reflex ist abzuschalten – aus Hilflosigkeit, Schmerz, Verdrängungsreflex.
Doch Wegsehen schützt und unterstützt die Täter, macht Völkerverbrechen möglich. Hinsehen ist ein Akt des Widerstandes und der Rebellion. Er erscheint klein, aber er ist wichtig.
Das Schweigen in den (deutschen) Medien
Medien leben von Aufmerksamkeit – und sie richten ihren Blick nicht unbedingt auf das, was Aufmerksamkeit braucht. Medien folgen nicht automatisch dem, was menschlich am dringendsten wäre. Sie folgen aktuellen Highlights, politischen Rahmungen, redaktionellen Routinen, Abhängigkeiten, Ängsten und manchmal auch sehr konkreten Interessen.
Wenn das Auge des Publikums wegschweift, nehmen sie nur zu gern ein Thema von der Tagesordnung. Palästina, Gaza, Westjordanland – das waren noch nie bequeme Themen. Dazu etwas zu bringen, darum reißt sich vor allem kein deutsches Medium, muss man doch zu sehr beachten, was und wie man schreibt – um nicht etwa von wichtigen Personen und Institutionen kalt gestellt zu werden. Oder etwa im antisemitischen Lager verortet zu werden. Wobei sich gerade die öffentlich-rechtlichen Sender und bekannten Zeitungen aus meiner Sicht noch nie damit beschäftigt haben, was Antisemitismus eigentlich bedeutet. Manchmal wirkt es, als wolle man sich dem gar nicht wirklich stellen.
Also das heiße Eisen ist aus dem Gesichtsfeld verschwunden – nur nicht dran rühren.
Doch es gibt Medien, die darüber berichten – arte.tv ist ein Riss im Schweigen.
arte.tv – ein Lichtblick, wenn es um die Berichterstattung zu Palästina geht
Meine Wahrnehmung – arte.tv nimmt in vielen Dingen kein Blatt vor den Mund. Und scheint inzwischen sogar kritischer über die Palästina-Israel Dynamik zu berichten – die Gewalt israelischer Siedler im Westjordanland gegen Palästinenser:innen, die gezielte Tötung palästinensischer Kinder.
Eine andere arte.tv Reportage berichtet sehr plastisch über die Willkür gegenüber palästinensischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen. Es gibt Berichte über schwere Misshandlungen, sexualisierte Gewalt und entwürdigende Behandlung palästinensischer Gefangener. Mehr schreibe ich hier nicht dazu – es ist schwierig zu wissen, was dort passiert.
Vielleicht ist arte.tv kein Beweis dafür, dass sich die Berichterstattung grundlegend verändert. Aber es ist ein Riss in der glatten Oberfläche. Ein Zeichen dafür, dass bestimmte Dinge nicht mehr vollständig aus dem öffentlichen Raum herausgehalten werden können.
Ich sehe das wirklich als ein positives Signal – es gibt Medien, die kritisch berichten. Die überhaupt berichten. Das Thema geht nicht weg. Es geht nie weg. Wer auch immer glaubt, das „Palästina-Thema“ verschwindet einfach. Die Kritik an Israel verschwindet. Der wird sich leider täuschen. Zu viele Menschen wissen darum – und es gibt immer noch Journalist:innen die hinschauen.
Das hat auch der „Friedensplan“ nicht geschafft – uns alle zu sedieren.
Der „Friedensplan“ – ein Plan vom Frieden in Anführungszeichen
Allein dieses Wort „Friedensplan“ im Zusammenhang mit Gaza und Israel wirkt wie eine Zumutung, wenn man auf die Realität vor Ort schaut.
Dieser ominöse Plan war wahrscheinlich immer nur eine Taktik, um die Öffentlichkeit zu betäuben. „Es war Krieg. Jetzt ist Frieden. Legt Euch wieder schlafen.“
Reuters berichtete im März 2026, dass die Entwaffnung der Hamas ein zentraler Streitpunkt bleibt, Hamas diese Forderung zurückweist und Israel weiterhin etwa die Hälfte Gazas kontrolliert. Ein J-Street-Statusbericht vom April 2026 beschreibt, dass der 20-Punkte-Plan nach anfänglicher Waffenruhe, Geiselaustausch und Hilfszusagen weitgehend ins Stocken geraten sei. Die UN stellte im Juni 2026 ebenfalls fest, dass Gaza trotz Waffenruhe weiterhin in einer humanitären Krise steckt.
Und während ich das schreibe entstehen Pläne, Lager und Zonen, in denen palästinensisches Leben weiter kontrolliert, verschoben und verwaltet werden soll – Vertreibung als logistische Frage.
Es gibt keinen „Frieden“. Es geht auch nicht um Frieden. Es geht um Recht und Gerechtigkeit für Palästinenser:innen. Aber das ist eine andere Diskussion.
Noch ein Unwort: „Gaza-Krieg“
Letztens hörte ich dieses Unwort wieder irgendwo: „Gaza-Krieg“. Das ist so eine Formulierung, die uns in die Irre führen soll.
Immer wieder fällt dieses Wort: „Gaza-Krieg“. Als wäre das eine angemessene Beschreibung. Ist es nicht. Es ist ein politischer Begriff, der Realität verzerrt.
Ein Krieg kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Aber der Begriff „Gaza-Krieg“ klingt nach zwei Seiten, zwei Fronten, einer militärischen Auseinandersetzung mit zumindest annähernd vergleichbaren Handlungsmöglichkeiten.
Und hier? Auf der einen Seite die Hamas. Auf der anderen Seite eine der bestausgerüsteten Armeen der Welt: die IDF – hochgerüstet, technologisch überlegen, mit voller staatlicher Infrastruktur im Rücken.
Das ist keine Symmetrie. Das ist kein Gleichgewicht. Das ist keine klassische Kriegssituation.
Es geht um massive Gewalt, um die Zerstörung von Infrastruktur, um Vertreibung und großes menschliches Leid innerhalb einer dicht besiedelten Zivilbevölkerung.
Viele Beobachter und internationale Organisationen sprechen von schweren Verstößen gegen das Völkerrecht. Begriffe wie Kriegsverbrechen, ethnische Säuberung oder sogar Genozid werden in diesem Zusammenhang genannt – auch von Expertinnen und Experten sowie Gremien der Vereinten Nationen.
Wer weiterhin unreflektiert von „Gaza-Krieg“ spricht, übernimmt damit eine sprachliche Rahmung, die die Komplexität und Tragweite der Situation verschleiert.
Welche „Gewaltspirale“?
Es wird auch so gern im Zusammenhang mit Gaza und Palästina von einer „Gewaltspirale“ gesprochen. Der Begriff Gewaltspirale klingt, als würden zwei Seiten mit gleicher Macht, gleicher Bewegungsfreiheit und gleicher Verantwortung aufeinander reagieren. Doch was sichtbar wird, ist etwas anderes: Palästinenser:innen, die ihre Kinder verlieren, ihr Land verlieren, ihre Häuser verlieren – und irgendwann sogar die Hoffnung verlieren, dass irgendjemand ihnen zuhört.
Keine der palästinensischen Familien, die in der Reportage ihre Kinder verloren haben, haben von Gegengewalt oder Rache gesprochen. Es gab nur Leid, Trauma, Erschöpfung.
Die „Gewaltspirale“ ist eine Irreführung und soll wieder davon ablenken, wer hier eigentlich am Hebel sitzt – Israel.
Die Hoffnung auf den Regierungswechsel in Israel
Okay, der „Friedensplan“ war nicht wirklich hilfreich. Aber: im Oktober stehen ja Wahlen in Israel an. Man könnte jetzt ja hoffen, dass das etwas bewirkt. Ein Regierungswechsel. Eine weniger extremistische Regierung an der Macht. Vielleicht würde das ja helfen.
Die Antwort ist: Leider nein.
Schon jetzt sieht man an verschiedenen Positionierungen, dass man gerne die Männer an der Spitze: Netanjahu, Ben-Gvir, Smotrich als die primären Übeltäter hinstellen möchte.
Netanyahu ist ein Symptom, ein Brandbeschleuniger, ein Machttechniker, ja. Aber das Feld darunter ist alt und breit: Besatzung, Entmenschlichung, Sicherheitsnarrativ, Siedlerideologie, Traumapolitik, koloniale Logik, religiöser Nationalismus, internationale Straflosigkeit. Wenn eine neue Regierung nur sagt „weniger extrem, weniger dramatisch, weniger offen brutal“, aber die Grundstruktur nicht antastet, dann wird sich für Palästinenser:innen nur graduell etwas ändern – und wahrscheinlich nicht einmal das.
Israel hat ein strukturelles Problem
Das Problem ist nicht die Elite an der Spitze Israels. Das Problem ist strukturell.
Völkerverbrechen werden selten allein von einer politischen Spitze getragen. Sie brauchen gesellschaftliche Duldung, Verdrängung, Angst, Zustimmung oder Gleichgültigkeit. Sonst könnten sie nicht stattfinden. Die Vertreibung und Entrechtung der Palästinenser:innen wird in großen Teilen der israelischen Gesellschaft hingenommen, gerechtfertigt oder verdrängt. Nicht nur aus Angst. Sondern aus Desinteresse. Und weil sie von dieser Vertreibung und Entrechtung profitiert. Selbst die, die sich gegen diesen „Krieg“ in Gaza stellen, wollen doch oft einfach nur ihre Ruhe.
Es gibt Unterstützer der Palästinenser:innen auf israelischer Seite. Es gibt israelische Stimmen, die dagegenstehen. B’Tselem, Breaking the Silence, Rabbis for Human Rights, Ta’ayush, einzelne Aktivist:innen, die bei der Olivenernte begleiten, dokumentieren, sich dazwischenstellen. Das ist mutig, weil sie nicht nur „gegen Netanyahu“ sind, sondern gegen die Struktur der Besatzung. Das ist ein ganz anderer Mut. Nicht nur: „Dieser Krieg schadet uns.“ Sondern: „Was wir anderen antun, ist unrecht.“ Doch es sind wenige Stimmen und Aktive.
In großen Teilen der israelischen Gesellschaft wirkt eine Ideologie, die palästinensisches Leben abwertet, entmenschlicht oder nur noch als Sicherheitsproblem wahrnimmt. Völkerverbrechen beruhen auf Dehumanisierung. Und die ist hier am Wirken. Es braucht schon mehr als einen Regierungswechsel, um auch nur irgendeine Lösung zu erahnen – es braucht eine ganze kollektive Heilung. Und die ist nicht mal eben zu erreichen – wie wir wissen.
Gewalt braucht Wegsehen
Systematische Gewalt ist immer dann möglich, wenn sie ermöglicht wird. Nicht nur durch Taten oder aktive Unterstützung. Sondern durch Wegsehen. Durch Verdrängung. Durch Abschwächung der Tatsachen.
Das finden wir nicht nur auf gesellschaftlicher, sondern auch auf individueller Ebene.
Andauernde Gewalt braucht Enabler. Gewalt zu ermöglichen ist nicht weniger perfide als Gewalt zu verüben. Wegsehen gehört dazu.
Also was bleibt? Zeugenschaft
Manchmal bleibt nur: Hinsehen. Nicht Wegschauen, wenn es unerträglich ist. Es aussprechen. Eine Meinung haben. Haltung einnehmen. Die eigenen Werte kennen – und wissen, wo man steht.
Wer für Menschlichkeit steht, kann das Leid in Palästina, Gaza, im Westjordanland nicht ignorieren.
Das heißt nicht, dass wir jede Grausamkeit betrachten müssen. Dass wir uns an jedem Tag damit beschäftigen müssen. Dass wir alles sehen müssen.
Auch wir müssen uns schützen, um handlungsfähig zu bleiben, um nicht aus Überforderung abzuschalten.
Aber wir dürfen nicht so tun, als sei es weg, nur weil es nicht mehr in den Schlagzeilen ist. Wir dürfen Frieden nicht mit einem Plan verwechseln. Wir dürfen Waffenruhe nicht mit Gerechtigkeit verwechseln. Und wir dürfen Schweigen nicht mit dem Ende von Gewalt verwechseln.
Gaza ist nicht weg. Das Westjordanland ist nicht weg. Das Leid der Palästinenser:innen ist nicht weg.
Vielleicht beginnt genau da unsere Verantwortung: in der Weigerung, sich beruhigen zu lassen, solange die Wirklichkeit weiter schreit.
Der Genozid war nicht. Er ist.
Und es bleibt: Hoffnung
Vielleicht bleibt noch etwas anderes: die Hoffnung. Nicht nur die Hoffnung, dass die Palästinenser:innen irgendwann frei sind und Gerechtigkeit erfahren. Sondern die Hoffnung, dass es ohnehin eine Illusion ist, ein Volk zu zerstören. Dass es eine der großen Illusionen Israels ist: die Vorstellung, man könne das palästinensische Volk auslöschen, vertreiben, zerbrechen oder aus der Geschichte entfernen.
Man kann Häuser zerstören. Archive verbrennen. Namen aus Karten tilgen. Sprachen verbieten. Olivenbäume entwurzeln. Aber ein Volk verschwindet nicht einfach, nur weil eine Macht das will. Kultur bleibt. Kulturelle Identität bleibt. In Sprache. In Liedern. In Kindern. In Erinnerung. In Schlüsseln. In Brot. In Kufiyas. In Melonensymbolen. In Geschichten.
Vielleicht ist genau das die Grenze jeder Gewalt: Sie kann töten. Aber sie kann nicht bestimmen, was bleibt.
Ich nenne das: „Die fünfte Illusion Israels“. Die Illusion ein Volk vernichten zu können. Der Artikel darüber folgt.
🔎 Lies gern weiter:
Ein tiefgehender Blick auf Gaza und Israel – Hintergründe, Psychologie und Hoffnung. Jenseits von Schlagzeilen. Für Menschlichkeit.
👉 Gaza–Israel-Dossier
Wenn Du tiefer in die politische und psychologische Mechanik hinter diesem Konflikt einsteigen möchtest:
👉 Die Illusionen Israels – Kontrolle, Image, Moral, Zeit
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