Eigentlich wollte ich diese Fußball-WM gar nicht verfolgen.
So wie ich auch jedes Jahr denke, dass ich Germany’s Next Topmodel diesmal wirklich nicht schauen werde. Und dann passiert es doch. Irgendwo läuft eine Folge, irgendwo läuft ein Spiel, etwas zieht meinen Blick auf sich und fängt an, mich zu interessieren – und plötzlich bin ich drin.
Bei dieser WM war es ähnlich. Ich hatte sie nicht wirklich auf dem Radar bis sie anfing. Erst in den Tagen kurz vorm Beginn bekam ich überhaupt etwas mit – und ich kannte ehrlich gesagt kein einziges Detail. Noch nicht einmal, wer sie überhaupt austrägt.
Neugierig wie ich bin, schalte ich dann aber irgendwie doch rein und sehe Ausschnitte vom Eröffnungsspiel Mexiko gegen Südafrika.
Später schaltete ich in das Deutschlandspiel gegen Curaçao hinein – zu einem Zeitpunkt, an dem es schon 6:1 stand und ich die eigentliche Zitterphase gar nicht mitbekommen hatte.
Und ich bleibe hängen – und mir fangen an, Dinge aufzufallen, die über das Fußballspiel an sich hinausgehen.
🧭 Worum geht es hier
Die Fußball-WM 2026 ist mehr als ein Turnier. Sie ist ein Spiegel – für Machtverhältnisse, Migration, Identität und eine Welt im Wandel. Dieser Artikel schaut hinter das Spielfeld.
Ein paar Fakten zur Fußball-WM 2026:
- Erstmals 48 Mannschaften statt 32
- Drei Gastgeberländer: USA, Mexiko, Kanada
- Viele Länder nehmen zum ersten Mal teil
Lesedauer: ca. 7 Minuten
Diese Fußball-WM 2026 ist irgendwie anders
Nach dem Deutschlandspiel höre ich mir noch die Kommentare und Diskussionen an. Ich schaue mir an, gegen wen Deutschland als Nächstes spielt. Und lese über die Elfenbeinküste – die als Mannschaft nicht zu unterschätzen ist.
Ich bekomme mit, dass Spanien gegen Kap Verde nur 0:0 spielt. Kap Verde – zum ersten Mal überhaupt bei einer Weltmeisterschaft dabei – machen einen Punkt gegen den Favoriten. Das ist bemerkenswert.
Und auf einmal ist da dieses Gefühl: Diese WM ist anders. Sie erzählt eine andere Geschichte.
Die WM 2026 ist die erste mit 48 Mannschaften. Viele Länder nehmen teil, die vorher noch nie dabei waren – und sie treten selbstbewusst auf.
Es scheint nicht mehr selbstverständlich, dass die üblichen Fußballmächte – Spanien, Argentinien, Frankreich, die Niederlande, England, Deutschland – den Titel unter sich ausmachen. Die Welt ist auf dem Fußballfeld nicht mehr so sauber sortiert, wie sie einmal schien. Und vielleicht auch nicht mehr so, wie manche sie gern hätten.
Allein, dass die Fußball-WM in drei Ländern ausgetragen wird – Kanada, Mexiko und den USA – ist ein Novum und macht wiederum einiges sichtbar.
Die Gastgeber-Konstellation: USA-Mexiko-Kanada
Ja, da ist dann auch noch diese Gastgeber-Konstellation: USA, Mexiko, Kanada.
Ursprünglich wurde die Fußball-WM 2026 als nordamerikanisches Gemeinschaftsprojekt an die USA, Mexiko und Kanada vergeben. Die FIFA entschied 2018 zugunsten dieser gemeinsamen Bewerbung. Damals wirkte diese Konstellation noch wie ein großes verbindendes Bild: drei Länder, ein Turnier, eine gemeinsame Bühne.
2026 trifft dieses Bild auf eine andere Realität. Auf Trumps zweite Amtszeit, restriktive US-Einreisepolitik, Spannungen rund um Migration, Grenzfragen und gesellschaftliche Spaltung.
Und das zeigt sich auch im Turnier selbst. Der irakische Stürmer Aymen Hussein wurde bei der Einreise in Chicago fast sieben Stunden befragt. Dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan wurde die Einreise in die USA verweigert. Für den Iran gelten besonders strenge Auflagen: Das Team darf zwar zu Spielen in die USA, muss danach aber wieder ausreisen bzw. sein Base Camp außerhalb der USA organisieren.
Diese WM trifft nicht auf eine heile Welt. Sie trifft auf eine Gegenwart voller Grenzfragen, Einreisehürden, politischer Spannungen und alter Nachbarschaftskonflikte.
Sie zeigt nicht nur, was möglich ist, wenn Länder zusammenarbeiten. Sondern auch, was im Argen liegt.
Fußball als Spiegel globaler Fluidität
Aus meiner Sicht geht es bei dieser WM nicht nur um Fußball. Diese Fußball-WM 2026 ist ein Seismograf – für die Weltordnung.
Nicht, weil Fußball moralisch sauber wäre – das ist er nicht. Er spielt das alte Spiel rund um Geld & Macht & Ansehen. Aber er macht früher sichtbar, wo sich Kräfte verschieben.
Talent, Wissen, Athletik, Technik, Taktik und Selbstbewusstsein zirkulieren heute viel stärker. Ein Spieler aus der Elfenbeinküste, Japan, Ghana, Marokko, Südkorea oder Kap Verde spielt in Frankfurt, Freiburg, Monaco, London, Mailand oder Madrid – und bringt von dort nicht nur Erfahrung mit, sondern ein anderes Verständnis davon, was möglich ist. Bei Japan sieht man das sehr deutlich: Der FIFA-Kader führt mehrere Spieler mit Stationen in großen europäischen Ligen.
Früher war das Bild oft: Europa und Südamerika sind die Zentren, Afrika und Asien liefern Talent oder Exotik oder Überraschung. Heute ist das viel fluider.
Diese Fluidität ist nicht nur positiv. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die Migration afrikanischer Fußballer nach Europa als historisch gewachsene Bewegung mit Chancen, aber auch klaren Schattenseiten und Machtgefällen. Eine aktuelle Studie nennt das sogar „Leg Drain“: Reiche europäische Länder profitieren stark von mehrfach spielberechtigten Talenten, während afrikanische und karibische Länder im Verhältnis besonders viel Spielerwert verlieren.
Dennoch zeigt diese Entwicklung, dass Länder am Ende profitieren können, wenn Talente auswärts Erfahrungen sammeln und diese zurück ins Land bringen. Und es führt zu Verschiebungen in der alten Ordnung, wenn auf einmal neue Spieler auf dem Feld auftauchen – und die Karten neu, anders und unerwartet gemischt werden.
Fußball als ein Feld der Begegnung
Was Fußball hier aber auch kann – neben aller Kritik: Er baut Brücken.
Er ist einerseits diese gigantische Geldmaschine – mit FIFA, Sponsoren, TV-Rechten, Spielergehältern, Vermarktung und diesem ganzen Wahnsinn. ZDFheute hat den Turnierstart sogar ausdrücklich als „Geldmeisterschaft“ gerahmt, weil es die bisher größte WM ist und eine enorme finanzielle Dimension aufweist. Es ist absurd, wie viel Geld in dieses Feld fließt, während gesellschaftlich zentrale Arbeit oft kaum gesehen oder angemessen finanziert und bezahlt wird.
Aber: Fußball kann eben auch etwas, was viele politische Räume gerade nicht mehr können. Er erzeugt Gemeinsamkeit. National und international. Für 90 Minuten schauen Menschen, die sonst völlig unterschiedlich leben, auf dasselbe Feld. Nicht alle aus denselben Gründen, nicht alle mit derselben Haltung – aber sie schauen. Und das bewirkt etwas – das überwindet Grenzen.
Das ist das Spannende an dieser Fußball-WM: Sie zeigt gleichzeitig die Brüche der Welt und die Sehnsucht nach Verbindung. Sie findet in einem Land statt, das selbst tief gespalten ist, in dem Migration politisch brutal aufgeladen ist, und zugleich kommen Menschen aus aller Welt zusammen, tragen Trikots, weinen, singen, hoffen, feiern, leiden gemeinsam.
Das ist fast schon eine riesige gesellschaftliche Installation. Ein Fußballfeld der Möglichkeiten: Was wäre möglich, wenn wir mehr Räume schaffen können, die gemeinsame Erlebnisse ermöglichen und Grenzen überbrücken?
Die deutsche Fußballnationalmannschaft als Spiegel
Und dann gibt es ja noch die deutsche Fußballnationalmannschaft.
Die Nationalmannschaft zeigt, dass Deutschland längst vielfältiger ist, als rechte Erzählungen behaupten.
Wenn 14 von 26 Spielern im deutschen WM-Kader einen Migrationshintergrund haben, dann ist das keine Randnotiz, sondern ein Bild davon, was Deutschland längst ist. Man kann irritiert gucken, man kann es feiern, man kann es verdrängen – aber man kann es nicht wegreden. Die Realität trägt Trikot. Sie ist vielfältig. Und sie spielt für Deutschland.
Was uns diese Fußball-WM 2026 zeigt
Wir sehen gerade nicht nur Fußball. Wir sehen eine Welt, die sich neu sortiert.
Diese Fußball-WM zeigt uns eine Wahrheit, die politisch noch umkämpft ist: Die Welt ist längst nicht eindeutig, national sauber sortiert, vorhersehbar, geordnet, unveränderlich. Sie ist gemischt, beweglich, widersprüchlich, talentiert, verletzlich, ungleich, im Wandel – und sie lässt sich nicht mehr zurück in alte Schubladen pressen.
Da steht ein deutscher Nationalspieler, der nicht dem alten deutschen Fantasiebild entspricht, und singt die Nationalhymne. Da spielt ein Japaner mit Bundesliga-Erfahrung gegen eine europäische Mannschaft. Und Kap Verde holt einen Punkt gegen Spanien. Länder treten auf, die man früher als „klein“ belächelt hätte. Es wird sichtbar, dass Selbstbewusstsein nicht mehr nur aus den alten Zentren kommt.
Vielleicht ist diese WM noch lange nicht auserzählt. Vielleicht wird sie sportlich wieder von einem der üblichen Namen gewonnen. Oder auch nicht. Aber etwas hat sie jetzt schon sichtbar gemacht: Die Welt ist beweglicher, gemischter und weniger eindeutig geordnet, als manche sie gern hätten. Und manchmal reicht ein Fußballfeld, um uns genau das vor Augen zu führen.
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Die Welt sortiert sich neu – auf dem Fußballfeld und darüber hinaus. Was wäre, wenn wir die Zukunft nicht abwarten, sondern jetzt schon gestalten?
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Bildquelle: Titelbild erstellt mit Unterstützung von ChatGPT





